Rezensionen, Interviews zu "Wind ohne Namen"

 

"Weit mehr als der Geschichten erzählende Prosaist ist es im heutigen Weltzustand der Lyriker, der sich „von Detail zu Detail“ auf „Spurensuche“ begibt, um die Zeichen-Schrift der Wirklichkeit  zu übersetzen in die Schriftzeichen der Poesie. Weit mehr als das romanhafte Erzählen  scheint  das offene lyrische Sprechen - die assoziative Vernetzung des Nächsten und des Fernsten, die Rhetorik des Films, Wahrnehmung und Reflektion , das Nebeneinander des Differenten – der Erfassung  der aktuellen  geschichtlichen Situation angemessen zu sein.
Die Gedichte Roland Merks, erschienen in der Zürcher „edition 8“, entsprechen ganz diesem Anspruch. Die Sammlung gliedert sich in vier Felder der lyrischen Recherche: (1) Skizzen einer Landschaft – Espace Normandie, (2) Spurensuche, (3) Wind ohne Namen, (4) Gesang von der Nacht. Um der verlorenen Zeichenschrift der Natur auf die Spur zu kommen, wählt der Beobachter  Standpunkte an den Rändern  der Zeit und des Raums. Doch die Spuren  verlieren sich (XII), nur noch Spuren im Sand (II); die Zeichen über den Klippen sind undeutlich, überdeutlich dagegen  die Spuren der gegenwärtigen Zivilisation: das Wrack eines Tankers (VIII), ein  Bunker aus dem letzten Weltkrieg (XIX).“Chiffre für ein Anderes“ kann die Natur schon lange nicht mehr sein. Als Gegenwelten kommen  Innenräume in Frage: Refugien, Eremitagen : die Zelle des Schreibers, der Höhlen-Bau eines neuen Robinson. In der Einsamkeit  seines Exil erfassen  den Autor  jene Zweifel, die den Auftrag des poetischen Sprechers und  Schreibers in Frage stellen: er möchte nicht in Sätzen wiederholen, was er schon hört und sieht, was die Welt ist; er will jetzt sinnlose Sätze sagen, die für sich stehen. Der Leser ist gehalten, darauf zu achten, wo die Spurensuche „außen“ an ihre Grenze gerät. Die Spurensuche  im Dickicht der Städte entziffert  die Lebens- und Untergangs-Zeichen  dieser Welt.Die Schlüsselworte: Guernica, Auschwitz, Hiroshima, Nagasaki, Dresden, Algier, Vietnam, Srebenica, Rwanda, Palästina, Bagdad… antworten auf die  Menschheitsfragen: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Der Blick nach draußen kann sich erschöpfen: „Du entzifferst...dieselbe Sprache , dasselbe Alphabeth. Du siehst  von Deinem Fenster aus einen einzigen Text... wir sind, wir werden sein...“ So richten die letzten Gedichte (Wind ohne Namen) den Blick endgültig  nach innen. Der neue Robinson  vergräbt sich „turmhoch-tief,erdentief“, grabend stößt er auf Tiefenschichten der Geschichte. „Der Gesang von der Nacht“ bildet den beeindruckenden Abschluß und formuliert ein Fazit: den Abgesang auf die prometheische Ermächtigung  des Menschen.  Zu Zeugen werden Hölderlin und Brecht aufgerufen.
Der Gedichtband  im Ganzen: ein gedankenreicher, polyphoner Text: ironisch-spöttisch, elegisch-melancholisch, pathetisch-kritisch, der das Genre des Zeitgedichts – im Gegensatz zum mainstream der Ich-Befindlichkeits-Lyrik – neu belebt."


Götz Großklaus, Germanist, in: Entwürfe, Zeitschrift für Literatur, 67/2011.

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"Ich bin ihm schon begegnet, dem Melancholiker R. M., der seine Melancholie so gut hinter den Beschreibungen einer normannischen Landschaft verbergen kann. Der sie nur zwischen den Zeilen hervorblicken oder sie – wie in «Skizzen einer Landschaft II» - im letzten Wort aufleuchten lässt. Ich bin ihm schon begegnet – nicht an einem realen Ort – sondern in der Landschaft der Gedanken … Situationen, flüchtige Augenblicke beschreiben, das kann der Lyriker Roland Merk."

 

Bernd Giehl, Glarean Magazin

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"Roland Merks "Wind ohne Namen" versammelt sowohl knappe einstrophige Momentaufnahmen, die mit Heraklit und Platon im Gepäck den Sinn unserer Existenz erforschen, wie auch seitenlange, schweifende Prosagedichte ... Dabei wird das lyrische Ich in einem der Texte auf faszinierende Weise selbst vom Zweifel an ebendieser berichtenden Sprache gepackt: "Ich werde / jetzt nur noch sinnlose / Sätze sagen. Ich werde / nicht mehr wiederholen, / was ich schon sehe, höre, rieche / was die Welt ist."  

 

Alexandra Stäheli, Neue Zürcher Zeitung, 26.8.2010

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Buchtipp zu "Wind ohne Namen" auf Radio 32, Solothurn, Sendung vom 18.12.2010.

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"Unverwüstliche Darstellung der Welt",

im Gespräch mit dem Literaturkritiker Urs Heinz Aerni,

in: P.S., 23.12.2010.

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"Nährboden für Geschichtenerzähler", Andrea Fopp, Basler Zeitung, 10. 3. 2011.

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"Wenn Schreibende selber Bücher kaufen",

Roland Merk im Gespräch mit "Buchhändler", Heft 1-2, Februar 2011

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"Er schreibt Lyrik, kann sich aber in Rage reden, wenn von unserer Gesellschaft mit ihrem Getöse die Rede ist. Roland Merk rührt im Bahnhofsbuffet Basel in seinem Kaffee. Neben der Tasse liegt sein Buch «Wind ohne Namen». In lyrischer Sprache reflektiert Merk, der in Zürich, Berlin und Bern Philosophie, Germanistik und Soziologie studierte und heute in Basel und Paris lebt, Beobachtungen und Gedanken.

Wie als Theaterautor (für sein Dok-Theater «Replay Palestine» erhielt er eine Einladung an die Volksbühne Berlin) umkreist er nun lyrisch gesellschaftliche Themen. «Wo es Literatur heute mit dieser Welt aufnehmen will, so bescheiden ihre Strategien auch sind, so stösst sie, will sie nicht blind sein, immer wieder auf Verhältnisse, die Kritik an der Gesellschaft miteinschliessen.» Auf die Frage, warum er sich für die Lyrik entschieden habe, antwortet er: «Für dieses Buch hatte ich zunächst nur ein vages Gefühl. Mir schwebte vor, so etwas wie ein literarisches Bild dieser so ratlosen und gleichzeitig von Katastrophe zu Katastrophe eilenden Epoche zu zeichnen. Dafür eignet sich nur die Lyrik!»

Nach der Lektüre schwankt der Leser zwischen Streitlust und Resignation. Absicht? «Nein, es wäre fatal, das zur Absicht machen zu wollen. Umgekehrt kann man aber auch nicht so daherkommen und den Leuten sagen, wir haben zwar verdammt viele Probleme auf dieser Erde, aber das packen wir schon.»

Die Tasse ist leer, und Merk ist in seine Überlegungen vertieft: «Wir alle wissen, dass wir gewissermassen mit 160 Kilometern pro Stunde auf eine Wand zufahren, deren Beschaffenheit und Härte uns die Wissenschaft beschrieben hat. Trotzdem tun wir so, als ob nichts geschehen wäre.» Im Lauf des Gesprächs und der Lektüre mausert sich «Wind ohne Namen» zu einem «Sturm ohne Namen». Merk würde seine Lyrik als «Einspruch» bezeichnen."

Urs Heinz Aerni, "Lyrik als Einspruch", Besprechung in: Wochenzeitung WOZ, Nr. 17, 28. April 2011.

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"Leichtere, dabei nicht unnahrhafte Kost liefert der Schreiber mit assoziationsreichen Beobachtungen in "Vie végétative" oder "Ithaka Beach: Nachrichten vom Sonnenstaat". Und auch ohne sich an der "Zirkulatur des Quadrats" abzumühen, gelingen - fern jenes mit der Zeit Gefälligen eines fortgesetzten Klagesounds - gut gewichtete Sachen wie diese "Materialkunde": "Ein Sprung/ nur ist der Lidschlag/ der Nacht und der Tag/ sein wachsames Auge/ traumlos kündet/ der Schlaf das Blei/ des Tages/ an".

 

Rolf Brinkholz: Rezension zu "Wind ohne Namen", Zeitschrift für Lyrik, Am Erker 61, Leipzig, Juni 2011.

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Interview mit der Berliner Zeitschrift Berg.Link: "Gedichte, wie Sand im Getriebe", Seiten 34-38. September 2011.

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