Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte

gesendet Radio Lora 1999
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Kaum extremer noch wird man an Geschichte herantreten können, als sie als eine einzige Katastrophe seit ihrem Beginn an bis in unsere jüngsten Tage zu bestimmen, und gleichzeitig die Frage zu stellen, was der Sinn von Geschichte und das Glück des Menschen sei. Genau dies aber tut Walter Benjamin in seinen Thesen Über den Begriff der Geschichte, die er im Frühjahr des Jahres 1940 niederschrieb. Es sind dies Gedanken, so die Überlieferung durch Gretel Adorno, von denen er selbst sagte, dass er sie “zwanzig Jahre bei sich verwahrt, ja, verwahrt vor sich selbst gehalten habe”. Gedacht waren sie als Vorarbeit für die Fortsetzung seines Essays zu Baudelaire und seiner grossen Passagenarbeit. Als erkenntnistheoretische Reflexionen über das Wesen geschichtlicher Zeit, als Klärung der Aufgabe und Verantwortung des materialistischen Historikers waren sie konzipiert. Die berühmten Thesen Über den Begriff der Geschichte stellen seine letzte abgeschlossene Arbeit dar. Als ihm auf der Flucht ins erhoffte Exil an einem Schlagbaum der spanischen Grenze die Einreise verweigert wird - in der Reisetasche ein von Horkheimer und Adorno beschafftes Einreisevisum für die USA - legte er Hand an sich. Von der grossen Geschichte erschlagen, der Geschichte, in der nach Hegel das Glück ein leeres Blatt ist, von Ungewissheit über die nahe Zukunft gequält, nahm der Denker und Verteidiger des Besonderen gegen die Übermacht des Allgemeinen Gift zu sich. Die Thesen Über den Begriff der Geschichte, 1942 in dem von Horkheimer und Adorno heraugegebenen Sammelband mit dem Titel Walter Benjamin zum Gedächtnis erschienen, enthalten im Kern das gesamte Werk und Denken Benjamins. Parallel zu seinem Essay über Baudelaire und dem grossangelegten, jedoch nie vollendeten Passagenwerk Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts seine Theorie von Geschichte entfaltend, enthalten die Thesen nicht nur offensichtliche Bezüge zu eben diesen Werken, sondern Korrespondenzen, um ein vielverwendetes Wort Benjamins zu nennen, finden sich bis in sein Frühwerk hinein. Bezüge zu seinen frühen Arbeiten sind zu finden etwa in Hinblick auf seine Aufsätze Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen, sowie Über das mimetische Vermögen. Die damaligen sprachphilosophischen Reflexionen zu einer Sprache der Dinge, zur Funktion von Namen, seine Erörterungen über das nachahmende, mimetische Vermögen des Menschen, schliesslich die Rede aus seinem Trauerspielbuch von der intentionslosen Wahrheit, in die sich der Betrachter versenken müsse, sind Figuren seines Denkens, die verwandelt auch in den Thesen zur Geschichte wiederkehren. Sie kennzeichnen ein analogisches, ästhetisch inspiriertes Denken, welches man unter dem Titel einer dialektischen Phantasie verorten kann. Quer stehen Benjamins Thesen Über den Begriff der Geschichte nicht nur gegenüber der bisherigen Geschichtsphilosophie, deren grosser Kritiker er ist. Am Ende der Legitimation geschichtsphilosophischer Entwürfe, zumal der positiven und fortschrittsgläubigen, schliesst die Benjaminsche Kritik nicht nur die Aufklärungsphilosophie, den Historismus und die säkularen Fortschrittsmythen des 19. und 20. Jahrhunderts mit ein. Benjamins Kritik behält auch gegenüber den je verschiedenen Verabschiedungen von Geschichte heutiger Zeit ihre gesunde Spitze. In Zeiten der Ermüdung geschichtlichen Denkens oder gar der Verdrängung von Geschichte, der sportlich postmodernen Verabschiedung oder der soziologisch motivierten, systemtheoretischen Lahmlegung derselben, ja in Zeiten, wo die Rede vom Ende der Geschichte Konjunktur feiert - so Fukujama nach dem Fall der Berliner Mauer -, da behält Benjamins Geschichtsbegriff nach wie vor seine Aktualität. Mit der Lupe seiner mikrologischen Analysen fördert er das Beunruhigende der Negativität unserer geschichtlichen Verfasstheit hervor, die abzuleugnen nur um den Preis der Blindheit, der falschen Versöhnung zu erkaufen wäre. Der medusische Blick Benjamins hält dem Verblendungszusammenhang stand. Dem ewigen Fluss geschäftiger Zeit rechnet er dessen Stillstand, das ewig Immergleiche vor. Benjamins Kraft, der, wie Hegel sagt, “ungeheuren Macht des Negativen” ins Gesicht schauen zu können, macht seine andauernde Brisanz aus.

[Auszug]

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